Was ist eigentlich Ökostrom?
Man zahlt einen Aufpreis für ein grünes Gewissen, aber aus der Steckdose kommt exakt derselbe Strom wie beim Nachbarn, der den billigsten Kohlestrom-Tarif hat.
Die Physik lässt sich nicht austricksen. Das europäische Stromnetz funktioniert wie ein riesiger, gemeinsamer See.
- Alle Kraftwerke (Kohle, Gas, Kernkraft, Wind, Solar) speisen ihren Strom in diesen einen See ein.
- Alle Verbraucher (also auch du) schütten aus diesem See Wasser ab.
Es gibt also keine separaten Leitungen für Ökostrom. Sobald du das Licht einschaltest, fließen die Elektronen des Kraftwerks zu dir, das physikalisch am nächsten liegt oder gerade am meisten einspeist. Im Zweifel ist das eben das rauchende Kohlekraftwerk um die Ecke und nicht der Windpark in der Nordsee.
Ein weiteres Problem, warum Ökostromtarife kritisiert werden, ist das System der sogenannten Herkunftsnachweise (HKN). Wenn ein Betreiber in Norwegen Strom aus einem 40 Jahre alten Wasserkraftwerk erzeugt, bekommt er dafür pro Megawattstunde ein Zertifikat (den Herkunftsnachweis). Er verkauft den physischen Strom billig an die Aluminiumhütte nebenan. Das Zertifikat aber verkauft er an einen deutschen Stromanbieter. Der deutsche Anbieter nimmt nun billigen, deutschen Braunkohlestrom, heftet das norwegische Zertifikat obendrauf und verkauft es dir als "100 % Ökostrom". Der Effekt: Es ist kein einziges neues Windrad oder Solarpaneel gebaut worden. Es wurde nur alte Wasserkraft auf dem Papier umetikettiert. Das ist der Teil, der reines Marketing ist.
Auch wenn bei dir kein grünes Elektron ankommt, bewirkt ein echter Ökostromtarif etwas auf der Geldseite (nicht auf deiner). Wenn du 3.000 Kilowattstunden (kWh) Ökostrom im Jahr verbrauchst, ist dein Anbieter gesetzlich verpflichtet, Zertifikate für 3.000 kWh Strom aus erneuerbaren Energien einzukaufen und zu entwerten. Die Logik dahinter: Je mehr Menschen Ökostrom buchen, desto mehr grüne Zertifikate müssen gekauft werden. Irgendwann reicht der alte norwegische Wasserkraftstrom nicht mehr aus. Die Zertifikate werden teurer, und es lohnt sich finanziell für Unternehmen, neue Wind- und Solarparks zu bauen, um diese Zertifikate zu erzeugen.
Man kauft also nicht den Strom, sondern man bezahlt dafür, dass der Anteil an erneuerbaren Energien im gesamten "Stromsee" steigt.